Das Jahr 2026 wird vermutlich erneut von ökonomischer Stagnation und technologischem Umbruch geprägt sein. Hannah Arendt hätte diese Herausforderungen aber vermutlich nicht als die eigentlichen Ursachen verstanden. Für sie lagen die wahren Gefahren tiefer: im Zerfall der Wahrheit, in der Fragmentierung des öffentlichen Raums und im Verlust menschlicher Handlungsmacht und Verantwortung.
Politische Krisen beginnen für Arendt nicht erst mit dem Versagen von Institutionen, sondern dort, wo Menschen aufhören, selbst zu denken, Wahrheit von Manipulation zu unterscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Wenn Bürger zu Zuschauern werden und Systeme das Handeln ersetzen, gerät die gemeinsame Welt in Gefahr. Führung bedeutet für Arendt deshalb, Wahrheit zu schützen, Öffentlichkeit zu ermöglichen und gemeinsames Handeln zu stärken.
In unserer Reihe „Leadership, Philosophy, and Human Impact“ setzen wir uns mit Arendts Denken und ihren Lehren für heutige Führung auseinander. Drei ihrer Einsichten erscheinen dabei besonders relevant:
Für Hannah Arendt ist der Zerfall der Wahrheit keine Frage schlechter Kommunikation, sondern eine fundamentale politische Gefahr. Die größte Bedrohung liegt nicht in einzelnen Lügen, sondern darin, dass Menschen die Fähigkeit verlieren, zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden.
Systematische Desinformation erzeugt keine Überzeugung, sondern Zynismus. Wenn alles möglich scheint und nichts mehr gilt, zerbricht der öffentliche Raum. Wo Fakten verhandelbar werden, verlieren Freiheit, Verantwortung und Demokratie ihre Basis. Wahrheit ist für Arendt daher keine moralische Tugend, sondern eine Voraussetzung für politischen Raum und gemeinsames Handeln.
Von Führungskräften würde sie verlangen, Wahrheit als gemeinsames Gut zu schützen, durch klare Sprache, Transparenz und den aktiven Widerstand gegen Manipulation und strategische Unklarheit. Führung heißt für sie, Räume zu schaffen, in denen Wahrheit im Austausch entstehen kann, durch Widerspruch, kritisches Denken und offene Debatten. Verantwortung für Urteil und Konsequenzen lässt sich aus Arendts Sicht weder an Systeme, Verfahren oder scheinbar objektive Sachzwänge delegieren.
Arendt versteht Freiheit als gemeinsames Handeln im öffentlichen Raum. Sie existiert nicht im Inneren des Einzelnen, sondern dort, wo Menschen einander begegnen, sprechen und handeln. Fragmentierung zerstört genau diese Zwischenwelt: Menschen ziehen sich zurück, verlieren Vertrauen und werden passiv.
Isolation und Apathie sind für Arendt der Nährboden politischer Krisen, lange bevor autoritäre Bewegungen an die Macht gelangen. Der Verlust von Pluralität bedeutet nicht weniger Vielfalt, sondern das Ende der Fähigkeit, gemeinsam zu urteilen und zu handeln. Wo Öffentlichkeit verschwindet, beginnt Demokratie zu scheitern.
Führung hat daher die Aufgabe, den öffentlichen Raum zu schützen und zu erneuern. Das heißt: Pluralität ermöglichen statt neutralisieren, Dissens zuzulassen statt zu glätten und Menschen zur Verantwortung befähigen, statt sie auf Rollen, Kennzahlen oder Funktionen zu reduzieren. Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht technisch lösen, sie brauchen Öffentlichkeit, Urteilskraft und Mut.
Freiheit bedeutet für Arendt, handeln zu können, Neues zu beginnen („Natalität“) und für dieses Handeln Verantwortung zu übernehmen („Agency“). Gefährlich werden Systeme dort, wo Menschen sich nur noch als Ausführende von Regeln, Algorithmen oder Strukturen erleben. Wo Verantwortung ausgelagert wird, geht Freiheit verloren.
Die größte Gefahr liegt für Arendt nicht im Irrtum, sondern im Verschwinden eigener Urteilskraft. Führung darf sich daher nicht hinter Prozessen, Experten oder Technik verstecken. Systeme und Technologie können unterstützen, aber menschliches Urteilen nicht ersetzen.
Arendt würde Führungskräfte ermutigen, Handlungsspielräume zu öffnen statt sie zu begrenzen, Verantwortung nicht zu delegieren und Menschen nicht zu verwalten, sondern zum Denken und Handeln zu befähigen. Organisationen scheitern nicht an Fehlern, sondern daran, dass Verantwortung diffundiert oder niemand mehr selbst urteilt.
Für 2026 hätte Hannah Arendt Führungskräften wohl geraten, mehr als Manager zu sein, Wahrheit zu verteidigen, Pluralität als Stärke zu begreifen und Verantwortung nicht an Systeme abzugeben. Führung bedeutet dann nicht Kontrolle, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen gemeinsam denken, sprechen und handeln können.
Ihr Wunsch wäre vermutlich, Mut statt Zynismus zu wählen, der Versuchung zur Vereinfachung zu widerstehen und die gemeinsame Wirklichkeit zu schützen. Denn Zukunft entsteht nicht durch Effizienz allein, sondern dadurch, dass wir uns als Handelnde begreifen und die Welt miteinander gestalten.
Möge das neue Jahr den Mut schenken, Wahrheit zu schützen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsames Handeln möglich zu machen, damit Freiheit, Vertrauen und Zukunft bestehen bleiben.
Jan Kiel &
The Human Impact Group
Quellen:
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Jan Kiel is the Managing Partner of The Human Impact Group, dedicated to strive for a corporate world in which humane leadership drives exceptional performance, well-being, and lasting business impact. As an executive coach and advocate for human impact, Jan serves as a trusted partner to executives, entrepreneurs, and their teams, supporting them unlock their full human potential. Learn more about Jan and The Human Impact Group at: